08. Jan
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Ein Bus gegen die Kälte

Nacht für Nacht sind sie auf den Straßen von Berlin unterwegs und retten Leben – die Teams vom Kältebus der Berliner Stadtmission. Auch ich brauchte einmal ihre Hilfe.

Ich habe schon einmal die Kältebus-Nummer gewählt. Das war vor drei Jahren. Es war Januar, spät am Abend und bitterkalt. Ich war auf dem Weg nach Hause. Da entdeckte ich eine Gestalt, regungslos in der Ecke einer Bushaltestelle. Ich näherte mich und erschrak. Als Unterlage hatte der Mann mit dem dichten Bart und der Bommelmütze nur ein paar Pappkartons, gegen die Kälte nur eine dünne Stoffdecke. Neben ihm standen drei volle Plastiktüten. Seine Habe.

Ich schaute vorsichtig, ob er noch lebte, ob er vielleicht wach war. War er. Ich fragte ihn, ob es ihm gut gehe, ob er Hilfe braucht. Fast flüsternd sagte er, dass ihm furchtbar kalt sei.  Er es aber nicht mehr in eine Unterkunft schaffen würde. Ob ich den Kältebus rufen solle, fragte ich. „Ja“, sagte er, anscheinend wusste er schon, was das ist.

Die Teams versorgen Obdachlose mit heißer Suppe, warmen Tee und sauberen Schlafsäcken, ermöglichen, sich die Hände zu waschen, und bieten medizinische Hilfe.

Viele Tausend obdachlose Menschen leben in Berlin. Was im Sommer noch einigermaßen erträglich sein mag, wird im kalten, nassen Winter zur Qual. Um die größte Not zu lindern, gibt es Notunterkünfte, Suppenküchen, medizinische Hilfen und auch den Kältebus der Berliner Stadtmission. Seit 26 Jahren fährt er in den Wintermonaten immer ab 21 Uhr abends bis 3 Uhr nachts durch die Straßen der Stadt.

1994 erfror ein Obdachloser auf Berlins Straßen, weil er nicht mehr die Kraft hatte, einen warmen Ort aufzusuchen. Das dürfe nicht noch einmal passieren, sagten sich Mitarbeiter der City-Station, einem Restaurant der Stadtmission, mit Beratungsangeboten und Seelsorge. Am nächsten Tag hatten sie einen VW-Bus und ein kleines Team organisiert, das die Straßen der Stadt abfuhr. Der erste Kältebus war unterwegs, auf der Suche nach obdachlosen Menschen, die Hilfe bräuchten. Heute gibt es sogar zwei Kältebusse der Stadtmission und aktuell auch einen Suppenbus. Dieser ist zusätzlich unterwegs, weil die Obdachlosenunterkünfte wegen Corona nicht mehr so viele Betten wie sonst zur Verfügung stellen dürfen. Der größte Unterschied zu damals: Heute gibt es die sogenannte Kältenummer. Diese kann man anrufen, wenn man sich Sorgen um einen obdachlosen Menschen macht. So wie ich damals.

Da die Kapazitäten der Notübernachtungen dieses Jahr durch Infektionsschutzmaßnahmen verringert wurden, fährt dieses Jahr zusätzlich ein Suppenbus durch Berlin, der obdachlose Menschen mit warmen Speisen und Getränken versorgt.

Ich tippte die Zahlen in mein Handy. Ein Mann ging ran. Sie würden gleich kommen. Ich setzte mich auf einen der Wartesitze der Bushaltestelle und sprach mit dem Mann. Thomas hieß er, er war etwa 45 Jahre alt, so genau wusste er es nicht mehr. Er lebte schon eine Weile auf der Straße. Die Bushaltestelle hier sei gar nicht so schlecht, sagte er. Schutz vor Wind und Regen, aber kalt. Er hätte eine Menge Pech im Leben gehabt, sagte er. Eben erst hätte ihm jemand seinen Schlafsack geklaut, da war er wütend. Aber eigentlich sei er ein friedlicher Kerl und wolle mit niemandem Ärger haben.

Nach 15 Minuten war der blaue VW-Bus da. Zwei Männer stiegen aus. Sie stellen sich Thomas freundlich vor. Fragten ihn, ob er einen Tee möchte. Thomas mochte. Dann fragten sie ihn, ob er vielleicht heute Nacht im Warmen schlafen wolle. Thomas nickte. Dann rollte ihm eine Träne über die Wange, daran erinnere ich mich noch gut. Die beiden Männer machen diese Arbeit ehrenamtlich, so wie alle vom Kältebusteam. Einmal in der Woche oder alle zwei Wochen, je nach Kapazität sind sie mit dabei.

Sie würden Thomas jetzt in eine Unterkunft fahren. Dass er sich überhaupt mitnehmen lassen hat,  sei nicht selbstverständlich, sagte mir einer der Helfer. Manche wollten einfach nicht in eine Unterkunft. Denen würden sie einen guten Schlafsack und eine warme Jacke anbieten, „damit sie lebend durch die Nacht kommen“, sagte er. Thomas hatte sich aufgerappelt. Ich trug seine Tüten ins Auto. Die beiden Männer stützten ihn. Er war schwach auf den Beinen. Tür zu, Motor an, sie verschwanden in der Nacht von Berlin.

Kältebus der Berliner Stadtmission – Hilf Menschenleben retten

Das Team vom Charlottenbogen hat den Kältebus mit einer Weihnachtsspende unterstützt. Wenn Du auch spenden möchtest, sende einfach eine Überweisung an diese Bankverbindung:

Verein für Berliner Stadtmission – Kältebus
IBAN DE63 1002 0500 0003 1555 00

Und wenn Du im Betreff Deinen Namen und Deine Adresse angibst bekommst Du auch sofort Deine Spendenquittung. So einfach geht das.

Telefonnummer (Kältebus 1):
0178 / 523 58 38

Der Kältebus ist telefonisch in der Zeit von 20.30 Uhr bis 2.30 Uhr erreichbar. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Mein Name ist Karl, ich bin Journalist in Berlin und schreibe hier Reportagen über deinen neuen Kiez.