11. Feb
zur Übersicht

Aus dem Kiez in die Welt – mit dem Fahrrad

Von Südafrika-Fahrradtouren, von der Liebe zum Fahrrad und dem lästigen Problem des Fahrraddiebstahls. Der Fahrradladen „Velophil“ ist im Kiez verankert, doch längst in ganz Berlin bekannt.

Ein Besuch beim vielleicht ausgewähltesten Radladen des Viertels.

Diesen einen Kunden wird Reiner Probst nicht vergessen. „Ein Taxifahrer war das“, erinnert er sich, „so ein richtiges Berliner Original“. Der kam ins Geschäft und berichtete von seinem besten Freund, der in Südafrika verstorben sei. Nun wolle er sich dorthin aufmachen und die Spuren seines Freundes abfahren. Aber nicht mit dem Flugzeug und auch nicht mit dem Auto, sondern mit einem Fahrrad. Ob sie hier eines hätten, welches den Weg da runter schaffen würde?

Stundenlang hat Reiner Probst ihn beraten. Hat mit ihm alle Eventualitäten durchgesprochen. Was müssen die Reifen können und was der Rahmen? Wieviel Gepäck will er transportieren? Dann hat Probst den Körper des Taxifahrers vermessen und ein maßgeschneidertes Fahrrad für ihn zusammenbauen lassen. Es passierte wirklich. Der Taxifahrer holte das Rad ab und fuhr los. Von Berlin nach Südafrika.

Willkommen im Fahrradladen „Velophil“

Ein Jahr später ging die Ladentür wieder auf. Da stand er und erzählte. Alles gut gegangen. Hier mal ein Platten. Da mal eine Bremse auszutauschen. Aber nichts ernsthafteres. Die Tour sei großartig gewesen. Die Menschen fantastisch. Wenn doch mal Ärger drohte, mit der einen oder anderen bewaffneten Gruppe, hat der Taxifahrer einfach seine Gitarre vom Gepäckträger geholt, ein paar Akkorde angestimmt und schon war das Eis gebrochen. „Später hat er im Lotto gewonnen, hat sich das Rad noch ein bisschen aufmotzen lassen und ist zu einer Weltreise aufgebrochen“, berichtet Probst.

Diese ist nur eine von vielen Geschichten, die die Kunden nach ihren langen Reisen wieder mitbringen – und zurück in den Laden kommen die meisten. Oder sie schreiben Postkarten. Manchen schicke Probst auch Ersatzteile hinterher, nach Indien zum Beispiel. Denn genau darauf haben sich Probst und seine Kollegen spezialisiert: auf ausdauernde Reiseräder und auf stabile Touren- und Trekkingräder. Fahrräder, die dazu gebaut sind, viele tausend Kilometer durchzustehen, über Berge, Wüsten und Schotterpisten, mit einer Menge Gepäck dran. Alltagsräder gibt es natürlich auch.

Reiner Probst, Geschäftsführer

Willkommen im Fahrradladen „Velophil“, nur wenige Gehminuten vom neuen Wohnquartier Charlottenbogen entfernt. Seit 1986 gibt es das Geschäft und die dazugehörige Werkstatt. „Wir waren Studenten und liebten das Fahrrad“, erinnert sich Probst, 62 Jahre alt. Er lacht gerne, wirkt ansonsten aber ruhig und konzentriert. Damals fehlte es an Rädern in wirklich guter Qualität. Also gründeten sie eine eigene Fahrradmarke. Schlossen sich mit anderen Fahrradläden zusammen. Entwickelten damit eine eigene Kaufkraft, konnten die wirklich guten Fahrradteile tausendfach in Auftrag geben und die Räder dann selber zusammenbauen. Auch heute arbeiten sie fast nur mit kleineren Fahrrad-Manufakturen zusammen, die die Fahrräder nach ihren Vorgaben zusammenstellen.

„Fahrradfahren ist magisch. Wir sind schneller als beim Laufen und bewegen uns dennoch mit der eigenen Körperkraft vorwärts“, sagt Probst. Für ihn ist Radfahren mehr als nur eine Fortbewegungsart. Es ist eine Art „Lebensmittel“ und „Lebenseinstellung“. Wer ein Fahrrad fährt, wird von ihm beflügelt. So wie er schwärmt und ins Reden kommt, merkt man, dass Probst seinen Job toll findet. „Ich liebe es, wenn wir morgens die Tür aufmachen und die Fahrräder dort stehen wie auf einer Bühne Alles sauber und ordentlich ist. “

Dann wird probegefahren … Solange bis es passt.

Gemeinsam mit dem Kunden wird erarbeitet, was für ein Fahrrad es werden soll. Ist es nur für die Freizeit? Oder für lange Touren? Oder aber für die tägliche Fahrt zur Arbeit? Wie dick sollen die Reifen sein? Wie sitzt man gut? Wie kommt die Kraft am besten auf das Pedal? All das wird durchdacht. Dann wird probegefahren. Immer wieder und wieder. Immer andere Modelle und Konfigurationen. Bis es passt. „Dann geben wir das Fahrrad bei einer der Manufakturen in Auftrag“, sagt Probst. 12 Wochen später ist es dann da und kann abgeholt werden. „Diese glänzenden Augen, wenn der Kunde den Laden mit seinem neuen Rad verlässt, das ist das Beste“, sagt Probst.

Vorne ist das Ladengeschäft, über den Hinterhof geht es in die Werkstatt. Sieben Leute arbeiten hier. Sie wechseln Reifen oder Gangschaltungen, machen die Bremsen wieder fit, eben alles was anfällt – und der Bedarf wächst. „Immer mehr Berliner fahren Fahrrad, in der Stadt oder ins Umland“, sagt Probst. Nur eines ärgert ihn richtig: Der berlinweite Fahrraddiebstahl. „Am besten man hat einen Keller und stellt das Rad dort ab“, sagt er.

Über den Hinterhof geht es in die Werkstatt

Für unterwegs empfiehlt er, immer zwei Schlösser zu nutzen. Die zusätzliche Arbeit beim Aufbrechen schrecke die meisten Diebe ab. „Man soll aber auch immer schauen, woran man sein Fahrrad abschließt“, erklärt er. Manche der Straßenschildstangen können einfach aus dem Boden gezogen werden. Doch manchmal reicht jede Vorsicht nicht. Viele traurige Kunden hat er schon trösten müssen, deren Räder abhandengekommen sei. „Das tut erstens in der Seele weh und zweitens ist es auch nicht gut fürs Geschäft“, sagt er. Wer Angst habe, der leiste sich kein Rad mehr, das für eine Weltreise taugt. Und auf eine Radweltreise zu verzichten, das wäre nun wirklich traurig.

Safety first! Beim richtigen Helm gibt es viel zu beachten.
Annette Blum, zweite Geschäftsführerin

Mein Name ist Karl, ich bin Journalist in Berlin und schreibe hier Reportagen über deinen neuen Kiez.