23. Sep
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Der Fleck muss weg

Dieser Waschsalon ist ein Waschsalon wie kein anderer. Kronleuchter an den Decken und Goldtapete an der Wand, Marienstatuen laden zum Beten ein, es gibt Cappuccino,Kuchen und Zeitung außerdem Hilfe bei Waschproblemen, ein offenes Ohr für Sorgen und einen berühmten Schauspieler, dem der Laden gehört.

Berlin ist einmalig. Wo sonst kann man seine Wäsche waschen gehen und gleichzeitig mit einem berühmten Schauspieler parlieren? Willkommen im Waschsalon „Freddy Leck“, Gotzkowskystraße 11, fünf Gehminuten vom neuen Quartier Charlottenbogen entfernt. Draußen strömt das hektische Großstadtleben vorüber. Drinnen erklingt klassische Musik. Riecht es nach Waschpulver. Vibriert der Boden, wenn die emsigen Miele-Maschinen erst sanft, dann immer schneller in den Schleudergang wechseln. 

Dirk Martens, 55 Jahre alt, erster Beruf Schauspieler, zweiter Beruf Waschsalonbetreiber.

Am dunklen Holztisch, gleich neben dem silbernen Kerzenhalter, sitzt ein schlanker Mann. Kurzes Haar, große Brille, weißes Muskelshirt. Es ist Dirk Martens, 55 Jahre alt, erster Beruf Schauspieler, zweiter Beruf Waschsalonbetreiber. „Hallo, guten Tag, wie geht es Ihnen“, begrüßt er jeden Menschen, der hereinkommt. Manche kennt er mit Namen, andere reden ihn auf Englisch an und viele wissen gar nicht, dass Freddy nicht Freddy heißt, sondern Dirk Martens und ein Schauspieler ist. 

„Dieser Waschsalon erdet mich“, sagt Dirk Martens jetzt. Als Schauspieler lebe man in einer Blase, erklärt er. Man wird hofiert, alle sind super freundlich, er wird vom Bahnhof mit dem Auto abgeholt, am Set achten alle auf seine Befindlichkeit, da kann man schon mal falsche Vorstellungen von der eigenen Wichtigkeit bekommen. Hier im Waschsalon aber findet das echte Leben statt, mal schön und erfreuend, mal hart und ernüchternd. Und so wie er das sagt, merkt man, dass das eine ohne das andere schon längst nicht mehr geht. 

Man könnte jetzt ja vermuten, dass ein Schauspieler, der einen Waschsalon betreibt, eventuell nicht mehr ganz so gefragt ist und lieber auf Nummer sicher geht. Bei Dirk Martens ist diese Vermutung falsch. Eben kommt er vom Dreh für zwei Serien, die eine von der ARD, die andere vom ZDF. „Ich habe gut zu tun“, sagt er. „Aber wenn ich nicht drehe, dann bin ich hier in meinem Waschsalon. Ich wohne ja auch im Hinterhaus, da stehe ich einfach auf und komme rüber und sehe nachdem Rechten.“ 

31 Maschinen, 17 Trockner, ein Kaffeeautomat, drei Zeitungen, eine Kuckucksuhr, eine große und eine kleine Madonna-Statue und sechs Angestellte, die das Tagesgeschäft übernehmen. Es muss ja auch laufen, wenn Dirk für Drehtage in München oder Köln ist. Das Technische, das Kaufmännische, alles über Wäsche und Waschen, über Flecken und Verschmutzungen, über Teppich- und Matratzenreinigung, all das hatte Dirk Martens schnell drauf. Was aber nach all den Jahren immer wieder herausfordernd, ja das Schwerste überhaupt für ihn ist: „Chef sein. Allein der Dienstplan, fair für alle, alle Wünsche und Termine berücksichtigen, das ist die Hölle.“ Dann das Menschliche, jeder ist ja eigen, hat seine Stärken und Schwächen, will gesehen werden: „Das muss ich alles berücksichtigen, muss ich beachten, wenn ich mit den Angestellten umgehe.“ 

Und die Kundschaft? Viele Touristen, die in Berlin länger Urlaub machen und hier ihre Wäsche selber waschen und trocknen. Dann kommen Menschen aus der Umgebung, die keine Waschmaschine haben. Andere wiederum gönnen es sich ganz bewusst, die Wäsche einfach abzugeben und dann schrankfertig zurück zu bekommen. „Gerade war eine Mutter hier, die kenn ich schon länger. Die hat drei Kinder. Nicht selber waschen zu müssen, ist der Luxus, den sie sich gönnt. Sie sitzt dann hier mit einem Kaffee, liest die Zeitung, lässt sich die Sonne ins Gesicht strahlen. Das ist ihre Zeit für sich“, sagt Martens. Die Mischung sei wirklich bunt: Professor*innen, Manager*innen, Politiker*innen, also all jene, die keine Zeit haben, dann Studierende, die hier am Laptop sitzen. 

13 Jahre ist er mit seinem Salon schon hier. Angefangen hatte alles mit seinem damaligen Lebensgefährten. Der wollte etwas Eigenes aufmachen. Dirk Martens war so verliebt, dass er für ihn alles aufgemacht hätte, selbst ein Internetcafé. Nun, es wurde ein Waschsalon. Die Beziehung gibt es nicht mehr, der Waschsalon ist geblieben. Dirk Martens lächelt, als er diese Geschichte erzählt, Erinnerungen kommen in ihn hoch. 

13 Jahre sind eine lange Zeit. Er hat Frauen gesehen, die erst alleine kamen, dann für viele Jahre mit einem Mann und dann plötzlich wieder alleine. Er hat gesehen, wie Kinder groß werden. Wie ein Mann fit und gesund ist, dann Krebs bekommt, dann Chemo, dem es immer schlechter geht, bis der Krebs eines Tages besiegt ist und die Farbe ins Gesicht zurückkehrt. Oder die alten Damen, die gerne morgens kommen und mit ihm flirten. „Das ist das Leben pur hier und das finde ich großartig“, sagt Martens. 

Mehr Informationen:
http://www.freddy-leck-sein-waschsalon.de/

Mein Name ist Karl, ich bin Journalist in Berlin und schreibe hier Reportagen über deinen neuen Kiez.