Kiez-Essen

29. Apr
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Kiez-Essen

Der Trüffel für 400 Euro, die Gurke für einen Euro

Im Frischeparadies gibt es alles, was man braucht. Vor allem aber vieles, was exquisit ist. Ein Besuch in der Nachbarschaft.

Fisch gibt es hier, da läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Von links nach rechts, fast 20 Schritte, soweit reicht die Theke. Ob Seeteufel, Thunfisch, Austern oder Seelachs, alles frisch, alles ordentlich drapiert. Doch herantreten darf man nicht. Ein blaues Absperrband signalisiert: nur schauen, nicht anfassen. Schon eilt ein junger Mann herbei. „Sie wünschen?“, fragt er. Hinter der Theke prangen weiß-blaue Kacheln mit großen, kunstvollen Fischmotiven. „Von einer Künstlerin in Handarbeit gemalt“, erklärt der junge Mann.

Willkommen im Frischeparadies, das direkt im Charlottenbogen-Kiez liegt. Das Frischeparadies ist eine Mischung aus edlem Feinkostgeschäft, gehobenem Supermarkt und Restaurant. Das Angebot ist breit. Man kann eine Gurke für einen Euro kaufen, aber auch Trüffel für 400 Euro pro 100 Gramm. Kunden laufen durch die Gänge, lassen sich an der Fleischtheke Steaks abpacken, begutachten den Fisch oder prüfen das Gemüse. Es ist gut besucht, aber nicht zu voll. An der Kasse wartet man keine fünf Minuten.

Gerade gibt es eine Weinverkostung. Der Weinexperte steht zwischen vier Reihen sorgsam gestapelter Weinkisten. Eben schenkt er einen Weißwein in ein Glas. Schwenkt es. Trinkt etwas davon. Lässt die Flüssigkeit in seinem Mund hin und her gleiten, bevor er den Rest in eine Schale spuckt. Danach schwärmt er von dem Aroma, dem Charme, der Note, berichtet vom Erzeuger, einem Landgut in Frankreich. Zwei Kunden schauen zu, nicken, probieren auch.

Da kommt auch schon der Chef. Thomas Warmer, 38 Jahre alt, schlank, gerade Haltung, wenn er spricht, dann mit Ruhe in der Stimme. Muss er vielleicht auch, denn sein Job ist es, zwischen all dem den Überblick zu behalten: Einkauf, Warenorganisation, Einstellungen der Verkäufer und Köche. Und zweimal am Tag kontrolliert er die Standards. Das heißt, dass er sich die Theken und Auslagen anschaut, ob alles sauber und ordentlich ist.

Jetzt aber gönnt er sich eine kurze Pause. Lässt sich einen Kaffee an einen der Hochtische im Bistro-Bereich bringen. Am Nachbartisch sitzt ein Mann um die 40. Er hat sich gerade ein Steak bestellt, ein Campo Beef Hüftsteak. „Das ist wirklich das Leckerste“, sagt er und berichtet, dass er mindestens einmal die Woche herkommt. In der offenen Küche steht der Franzose Regis Louviot. Er war mal Sous-Chef bei einem Sternekoch in einem Gourmetrestaurant. Seit 2013 arbeitet er im Frischeparadies und findet es klasse, wie er kurz schwärmt. Fleischtheke, Fischtheke, was er braucht, kann er sich sofort holen. Offene Küche heißt, dass man seinem Steak beim Brutzeln zusehen kann. Tatsächlich gibt der Küchenchef auch Zubereitungs-Tipps, wenn man ihn darum bittet.

Viele der Stammkunden kommen aus der gehobenen Gastronomie und die nehmen auch schonmal 20 Kilo Lachs mit. „Aber auch Privatkunden aus ganz Berlin, die sich zu Ostern etwas leisten wollen“, sagt Warmer. Alles, was sie hier frisch verkaufen, kommt ohne Zwischenhändler vom Erzeuger. Parmaschinken beispielsweise wird direkt aus Italien geliefert. Manche seien 16 Monate, andere bis zu 36 Monate gereift.

Warmer hat seinen Kaffee ausgetrunken. Der Nachbar hat sein Steak aufgegessen. Zurück an die Arbeit.

Thomas Warmer
Thomas Warmer
Frischeparadies

Mein Name ist Karl, ich bin Journalist in Berlin und schreibe hier Reportagen über deinen neuen Kiez.